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Meine erste Woche in Stade

September 16, 2019

«Ach, dass? Das ist Emmi, mein Hund. Du hast keine Probleme mit Hunden, oder? Beim Abfallsammelhof hat einer einen ähnlichen Hund, wenn der an der Kasse steht hat er so Freude, dass er mich durchwinkt. Ich nehme Emmi bewusst mit!” lachend sitzt Peter, mein neuer Chef, am Steuer seines Lieferwagens, wartet geduldig auf grünes Licht. Er ist nicht der einzige hier mit ruhigem Gemüt, sein Sohn und Junior Chef der Tischlerei Meyer machte von Anfang an einen guten Eindruck. Freundlich, gelassen aber pflichtbewusst und hart arbeitend. 

Ernst, kalkuliert, humorlos, hochmütig…so liegt es in vieler Munde. Doch, den Vorurteilen des deutschen Archetypens trotzend, leben in Klein Thun, ein Quartier in Stade, Jonas, Judith, Sabine und Wolfram, meine Gastfamilie. Ich fühle mich hier gleich willkommen, wie Zuhause. Ohne zu wissen wer mich denn genau erwartete traf ich nach einer langen Zugreise um 17.00 Uhr in Stade ein. Um 6.30 Uhr war ich heute Morgen aus meiner Haustüre getreten, Richtung Bahnhof. Hoffend, dass mein Gepäck vollständig war, stieg ich in Thun ein. Nach einem Umstieg in Basel war ich schon fast in Hamburg, alles was ich zu tun hatte, war mich zu gedulden. Die andern Austauschlernenden, Simon und James, reisen mit Flugzeug an. Von Hamburg gehts dann mit der Bahn ab nach Stade. 

 

Von weitem erblickten wir die deutsche Gemeinschaft. Rätselnd schaute ich in die Runde. Wer ist Jonas? Kaum Zuhause angekommen, Gepäck abgeladen gings gleich weiter. In welche Richtung kann ich nicht sagen, am Horizont gibts hier keine Anhaltspunkte, Alles ist weitläufig und flach. Frischer Wind mit Meeresgeruch ist allgegenwärtig, ich fühle mich weit, weit weg, ich lass mich gleiten, übergebe das Ruder meiner Gastfamilie. Es ist 18.00 Uhr, knapp eine Stunde seit meiner Ankunft in Stade und schon sitze ich an der Elbe mit Jonas, seiner Schwester Judith und seinem Vater Wolfram. Zusammen trinken wir schwarzen Kaffee und tauschen erste Worte aus. Mein Hochdeutsch ist noch harziger als «verkientes» Kiefernholz. Zwei Tage später schon, glitten meine Worte wie auf «ne Teflon Platte».Neben uns glitt langsam eine eiserne Eigernordwand vorbei. Die «Yang Ming» soll noch zu den kleineren Containerschiffen gehören, meinte Wolfram. Fast eingeschüchtert schaute ich diesem statischen und doch dynamischen Schauspiel zu, wie gefesselt. Der Koloss glitt in der Ferne dahin und erinnerte mich an eine Naturgewalt. Bei Anbruch der Nacht waren wir zurück im schönen gemütlichen Backsteinhaus, um eine Partie Uno versammelt, warteten wir auf die Rückkehr von Sabine, die Mutter von Jonas. Erschöpft von all den neuen Eindrücken und der Reise ging ich knapp nach ihrem Eintreffen ins Bett.

 

Am nächsten Tag war Schule angesagt. Nach einem kurzen Sprint schafften wir es, trotz Stau, pünktlich ins Klassenzimmer. Aber wozu denn der ganze Stress? Denn erst 5 Minuten später traf der Lehrer, lächelnd und fröhlich, ein. Ein Klassenzimmer an der Jobelmann Schule in Stade differenziert sich sehr von dem in unserer Berufsschule in Frutigen. Damit gemeint ist die Klassengrösse, hier hat eine Klasse 35 und bei meiner sind es 20 Lernende. Eine riesige Ansammlung von Menschen für einen Raum. Dieser Zustand ruft nach einer anderen Methode und so ist auch der Unterricht doch ganz unterschiedlich zum schematischen und konzentrierten Unterricht, den man sich in der BZI Schule gewohnt ist. Kommunikationsfröhlicher, entspannter, nichts desto trotz anspruchsvoll und schnell fortschreitend.

Dienstag und mein erster Arbeitstag in der Tischlerei Meyer in Bützfleth. Nach einer Stunde verletzt sich Jonas leider und wird eine Woche krankgeschrieben. Trotzdem finde ich mich gut zurecht in der Tischlerei, meine Arbeit kommt gut an, was mich natürlich sehr freut! Man könnte meinen die Sprachbarriere sei bei einem Austausch mit Stade kein Thema. In meinem Fall schon und damit sind nicht die abweichenden Fachbegriffe gemeint. Mein neuer Genosse bei Meyer, Arthur, ist nämlich taubstumm. Ganz schön spannend wie problemlos diese Barriere überwältigt werden kann. Es stellt sich heraus, dass man auch gut ohne akustische Sprache in unserem Job zurechtkommt. Und wie schön ruhig es in der Werkstatt ist, Radio kennt Arthur nicht, mal einen Tag arbeiten, ohne die 19-Song-Playlist aus den Charts auf und ab zu hören, eine richtige Befreiung

 

Nun sind vier Arbeitstage dahingeschwunden und Wochenende ist angesagt. Sogar das Wetter soll mitspielen! Stade ist eine ganz süsse Ortschaft. In entfernter Geschichte ist die Stadt abgebrannt und musste neu errichtet werden. Zu jener Zeit hatte das Schwedische Königreich das Sagen in der Region. Dieser Einfluss ist in Stade an die Fassade gebrannt, das ganze Innenstädtchen kennt fast nur schwedische Fachwerkkonstruktionen, gemischt mit der allgegenwärtigen roten Farbe des Ziegelsteins. Ein herrlicher Anblick. Die ganze Stadt zeugt von Geschichte und Handel. Hier zum Beispiel, steckt noch eine Kanonenkugel in der Fassade, aus dem Napoleon-Krieg. Dort, ein alter Hafen, mit einem noch von Körperkraft geführten Lastenkran. Viele Touristen in kleinen Grüppchen versammelt folgen mit den Augen den Gesten ihrer Guides. Diese sind alle zur Darstellung in alten traditionellen Trachten gezogen.

 

Die Erste Woche war eine erfolgreiche und bereichernde Erfahrung, selten lernt man so viele liebe Leute in so kurzer Zeit kennen. Die Gastfreundschaft ist überwältigend, ich freue mich auf dass, was in den nächsten Wochen auf mich zukommt und hoffe Jonas in der Schweiz mit einer ebenbürtigen Freundlich- und Gastlichkeit willkommen zu heissen.
 

 


 

 

 

 

 

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